Das Auge der Elster
(Auszug aus der gleichnamigen Anthologie)

Grausames Schicksal

Zitternd vor Erschöpfung, Trauer und Wut sitzt Veldar auf einem Ast. Er kann immer noch nicht glauben, was geschehen ist. Wie kann dieser Mensch so herzlos sein? So sinnlos grausam? Hat er noch nie in seinem Leben geliebt? Weiß er nicht, wie es ist, die Partnerin, Geliebte, Mutter seiner Kinder zu verlieren, durch einen einzigen, sinnlosen Akt der Gewalt?

Lygnia, oh, seine Lygnia! Veldar schüttelt sich und zieht seine glänzenden Schwungfedern geübt durch den Schnabel. Seit der Jäger seine Geliebte kaltblütig erschossen hat, leidet die Elster unter dem Zwang, sich unaufhörlich zu putzen. Abendrot breitet sich gleichmäßig am Horizont hinter der alten Eiche aus, in der Veldar sitzt. Er befindet sich nicht in seinem Revier, denn er erträgt den Gedanken nicht, an Lygnia erinnert zu werden. Womöglich das Nest zu sehen, das er noch vierundzwanzig Stunden zuvor mit ihr geteilt hat. Das Nest, in dem ihre Jungen geschlüpft und aufgewachsen sind, Frühling für Frühling. Das Nest, in dem sie zärtlich miteinander geplaudert, sich gegenseitig geputzt haben. Eigentlich sollte Veldar hungrig und durstig sein, schon seit Stunden, doch er fühlt nichts mehr. Wird er in dieser knorrigen Eiche, deren Lebenssäfte nur noch langsam und träge fließen, sitzen bleiben, bis er, tot und ausgedörrt, herab fällt? Immer die glänzenden, spitzbübischen Augen und das metallisch blau schimmernde Gefieder Lygnias in seinen Gedanken, so, wie sie war, bevor die Bleikugel des feigen Jägers sie traf und ihre Brust zerfetzte?

Nur, um heraus zu finden, ob ihm seine Muskeln überhaupt noch gehorchen, hüpft Veldar einen Ast tiefer. Seine langen, schwarzen Schwanzfedern balancieren wippend, automatisch seinen Schwung aus. Er schüttelt sich sofort und beginnt erneut, zwanghaft sein Gefieder zu putzen - doch plötzlich hält Veldar inne. Was ist das für ein Schimmern, dort unten, auf dem herbstlich weichen Waldboden, übersät mit toten Blättern? Er sieht ein regelmäßiges, rötliches Leuchten; so, als seien einige der abgestorbenen, gefallenen Blätter noch am Leben. Ach, wieso beäugt er das Leuchten überhaupt so neugierig! Früher wäre er eifrig ans Werk gegangen, hätte den Schatz ans Licht gezerrt und seiner wunderschönen Lygnia vor die zarten Krallen gelegt. Aber jetzt, am Abend nach der abscheulichen Gewalttat des Jägers, ist die Welt grau, leer und sinnlos geworden. All die kleinen und größeren Schätze und Kostbarkeiten, die Veldar im Lauf der Jahre zusammen getragen und in verschiedenen Verstecken angehäuft hat, bedeuten ihm überhaupt nichts mehr - weil er sie nicht mit Lygnia teilen kann!

Veldar beschließt, seiner Erschöpfung endlich nachzugeben und etwas zu schlafen. Doch der Schlaf, der sonst immer so zuverlässig zum Dienst angetreten ist, erscheint an diesem Tag nicht. Das pulsierende, rötliche Licht hat sich in Veldars Gehirn festgesetzt und lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Schließlich stößt er ein widerwilliges Krächzen aus und flattert steif auf den Waldboden. Missmutig schnippt er einige trockene, raschelnde Blätter mit dem Schnabel beiseite, bis er auf eine der knorrigen Wurzeln der altersschwachen Eiche trifft. Das lockende Leuchten dringt aus einer kleinen, natürlichen Höhle zwischen zwei Wurzeln hervor, die über und über mit Blättern verstopft ist.

„Ein hervorragendes Versteck!“, denkt sich Veldar.
Instinktiv sieht er sich um und stellt sicher, dass ihn keine andere Elster, oder, noch schlimmer, eine der boshaften, neidischen Rabenkrähen beobachtet. Dann beginnt sein Schnabel, mit präzisen Bewegungen die kleine Höhle frei zu legen. Für einige Sekunden vergisst Veldar seine Trauer und die nagende Wut, weil ihn seine natürliche Gier nach Schätzen überwältigt. Als er sieht, was er aufgedeckt hat, könnte er alle gefiederten Götter der Erde gleichzeitig verfluchen. Jetzt, einen halben Tag nach ihrem Tode, findet er das schönste, das wertvollste, das einzigartigste Geschenk, das er Lygnia jemals hätte machen können!

Es ist eine Münze - aber nicht irgendeine Münze. Sie ist von einer warmen, rötlich-goldenen Tönung, und ein inneres Licht verleiht ihr ein Leben, das Veldar fast glauben lässt, die Münze habe eine Seele, genau wie er selbst. Die Münze ist offenbar uralt, denn sie ähnelt den modernen Geldstücken, die Veldar hier und da stibitzt hat, überhaupt nicht. Er kann die Zahlen nicht lesen, die das Prägungsdatum der Münze angeben - aber er erkennt deutlich ein menschliches Gesicht. Es ist das Profil eines jungen Mädchens, das ihn mit geneigtem Kopf spitzbübisch aus den Augenwinkeln anlächelt. Das Licht der seltsamen, alten Münze spiegelt sich in Veldars schwarzen, blanken Augen, und plötzlich sieht er die Reflektion seines gefiederten Gesichts in ihr. Unerwartet strömen Veldars Gefühle in ihn zurück, alle auf einmal. Nicht nur das, was er in den letzten Stunden mehr oder weniger erfolgreich verdrängt hat, nein, alles, was er jemals erfahren durfte an Freude und Leid, Mühsal und Euphorie, Gier und Demut. Ist diese, so lebendig wirkende, Münze möglicherweise eine Botschaft aus dem Jenseits, von seiner geliebten Lygnia? Oder ist sie doch nur ein grausamer Streich des Schicksals, das ihn mit diesem unbezahlbaren Hochzeitsgeschenk verhöhnt, nachdem die Braut gestorben ist? Er beschließt, die Münze zu behalten, für alle Fälle. Schließlich kann keine Elster ihrer Natur zuwider handeln, schon gar nicht, wenn sie so geschwächt ist wie Veldar.

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Die Brosche