Der Großstadt-Krieger
(Auszug aus der Anthologie: Das Auge der Elster)

Verzweifelt versucht Rambo, den üblen Geschmack und den penetranten Geruch des warmen Gummireifens zu ignorieren. Es gelingt ihm nicht. Er verkrampft seine Kiefermuskulatur noch stärker und hofft, dass es bald vorbei ist. Die staubige Luft über dem Schrottplatz, der seine Freiluft-Trainingshalle ist, flimmert unter der mittäglich heißen Sonne. Rambos Kehle schreit schon eine ganze Weile nach einem Schluck Wasser, und hecheln würde er auch gerne. Aber das geht nicht. Er darf den Gummireifen auf keinen Fall freigeben, bevor der Alte ihm den Kiefer aufhebelt. Rambo hat genügend Prügel eingesteckt, um diese Lektion zu lernen. Endlich kommt der Alte zurück. Rambo riecht, dass er mit seinem Kumpel Eddie im Schatten eines der toten, halb ausgeweideten Blechmonster eine Zigarette geraucht hat. Fast freut sich Rambo ein wenig, den Alten zu sehen. Denn das bedeutet, dass die Trainingseinheit auf dem Schrottplatz bald vorbei ist. Leider besteht ihm das Schlimmste noch bevor, aber an diesem unhundlich heißen Tag erfüllt es ihn mit Freude, dass ihn nur noch wenige Minuten von einem schattigen Plätzchen trennen.

Der Alte hält einen dicken, hölzernen Stock in der einen Hand. Mit der anderen schubst er Rambo unsanft an. Der Gummireifen, der an einem dicken Ast des einzigen, halbtoten Baumes aufgehängt ist, der noch auf dem Schrottplatz steht, schwingt hin und her und dreht sich dabei. Rambo konzentriert sich auf seine Kiefermuskulatur, und knurrt und zappelt ein wenig, weil er weiß, dass das dem Alten gefällt. Es wird ihm nicht mehr übel, wenn er sich ruckartig um sich selbst dreht. Diese Schwäche hat ihn früher einmal befallen, jetzt aber nicht mehr. Er zuckt auch nicht mehr zusammen und unterdrückt den Impuls, zu winseln, als ihn der erste Schlag des hölzernen Stocks trifft. Während er zurück pendelt, sieht er aus dem Augenwinkel, dass der Alte zu seinem zweiten, härteren Schlag ausholt. Das Blut beginnt, laut rauschend, durch seinen Kopf und seine Ohren zu pochen. Alles, was er sieht, färbt sich dunkel ein. Nur der Gummireifen ist ein grell leuchtendes Objekt. Sein Gegner. Er muss ihn ausschalten, zerfetzen. Denn dann hören die Qualen auf, jedes Mal.

Unter den Schlägen des Alten knurrt und zappelt Rambo, so gut er es in der unerträglichen Hitze noch schafft. Endlich spürt er einen angespitzten, kurzen Holzstab zwischen seinen Zähnen. Der Gummireifen hat aufgegeben und seine Niederlage anerkannt. Rambo öffnet den Fang und fällt zu Boden. Verdutzt, weil seine Beine ihm den Dienst versagen, bleibt er mit dem Bauch im trockenen Staub liegen. Seine Zunge hängt weit heraus und er hechelt stoßweise. Seltsame, blitzende Lichter tanzen vor seinen Augen herum, und er kann sie nicht weg blinzeln. Aber das Training war ein Erfolg. Die Stimme des Alten hat ihren zufriedenen Klang, und er tätschelt auf Rambos Kopf herum. Nicht, dass Rambo das genießen würde; aber er hat inzwischen gelernt, dass das Gegenteil davon mehr Prügel sind, so dass er diese Gesten zumindest zu schätzen weiß.

„Dein Köter hält sich ganz gut in der Hitze!“, brüllt Eddie, der Kumpel des Alten, während er sich, Bierbauch voran, unter den halb toten Baum bewegt. Er riecht nach Schweiß und einer Spur von altem, angetrocknetem Sperma.

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Licht