Hippokrates' Herrin
(vollständiger Text meines Beitrags zur Anthologie: Mystisches Mittelalter)

Katerina verlässt gut gelaunt den Hof des wohlhabenden Großbauern Kachelsberger, nachdem sie dessen Frau von einem kräftigen kleinen Jungen entbunden hat. Hippokrates, ihr Kater, lässt es sich nicht nehmen, auf dem Heimweg durch die sommerlich staubigen Gassen des Dorfes auf warme Steinmauern zu springen, um auf Augenhöhe mit seiner Gebieterin einher zu stolzieren. Sein schwarzes Fell glänzt im warmen Licht der Abendsonne, und nur der rot-goldene Schimmer in Katerinas langen, braunen Locken vermag das Fell des Katers in den Schatten zu stellen. Endlich treten die beiden aus der immer noch anstrengend heißen Abendsonne in ihr gut gepflegtes Gärtchen ein. Katerina bleibt unter dem Kirschbaum stehen, schließt ihre goldbraunen Augen und atmet tief durch. Leichtfüßig springt Hippokrates auf einen Ast, sieht sich genau nach allen Seiten um, und fragt schließlich:

„Wieso trödeln wir herum, meine schöne Herrin? Lass’ uns essen gehen!“

„Hippokrates, du alter Schmeichler! Hungrig wie immer!“, lacht Katerina. Sie dreht sich zu ihm und streichelt ihn zärtlich vom pechschwarzen, stattlichen Katerkopf bis zur Schwanzspitze.

„Hmmmm…“, schnurrt Hippokrates genüsslich, bevor er seine giftgrünen Augen wieder auf Katerina richtet und die Frage wiederholt.

Katerina dreht sich lachend um und läuft zu der niedrigen, kleinen Haustür, die sie und den Kater noch von ihrem Heim trennt. Hippokrates trippelt hinter ihr her und versucht entzückt, die kleinen Troddeln zu erhaschen, die an der weiß gestickten Borte von Katerinas dunkelgrünem Oberkleid hängen. Obwohl Katerina mit ihren einundzwanzig Jahren zweifellos eine alte Jungfer ist, erlaubt sich die sonst so beherrschte Hebamme hier und da eine modische Albernheit.

In dem gemütlichen Häuschen, das sich Katerina mit niemandem außer Hippokrates und gelegentlichen Besuchern teilt, riecht es zu jeder Jahreszeit nach den verschiedensten Kräutern und Blumen, die überall, zum Trocknen, von dicken schwarzen Deckenbalken baumeln. Elegant springt Hippokrates auf den dunklen Holztisch. Er beginnt sofort, lauthals um Futter zu jammern.

„Danke“, sagt er zwischen zwei Bissen, als ihm Katerina endlich ein Stückchen geräucherten Fisch vor die Pfoten legt.

„Geh’ eine Maus fangen, du fauler Kerl!“, lacht Katerina gutmütig, während sie sich selbst eine Scheibe Brot schmiert.

„Ich habe keine Zeit“, schmatzt Hippokrates, „ich bin jede Nacht damit beschäftigt, der gelb getigerten Kätzin des Schmieds nachzustellen. Diesen Sommer wird sie meine Kinder bekommen, und wenn ich alle Kater im Dorf im Kampf besiegen muss!“

„Na, pass’ auf, dass du dir keine blutige Nase holst, du Draufgänger!“

In der darauf folgenden Nacht schlägt Hippokrates zwei seiner Rivalen in die Flucht. Als er endlich beim Schmied angelangt, um seine Belohnung einzufordern, hat sich die begehrte Kätzin leider schon ins Haus zurückgezogen. Auf das leidenschaftliche, enttäuschte Heulen des schwarzen Katers antwortet die Frau des Schmieds, indem sie, im zerknitterten Nachtgewand und mit wirrem Haar Flüche kreischend, einen spitzen alten Schuh nach Hippokrates wirft.

Wie überrascht ist der Kater, als die Frau des Schmieds am nächsten Tag, gar nicht mehr wirr und zerknittert, sondern sonntäglich herausgeputzt (und es ist erst Dienstag!), Katerinas Haus betritt. Obwohl sie nur die Frau des Schmieds ist, legt sie ungemeinen Wert darauf, wie eine Adlige aufzutreten. Es ist ein bisschen lächerlich, denn man sieht, dass sie alles selbst zusammennäht und herstellt – und außerdem zerstören die unübersehbaren Male der körperlichen Misshandlung durch ihren jähzornigen Mann das vornehme Bild. Über einem weißen Unterkleid und einem graublauen Oberkleid, aus grellen Stoffen von zweifelhafter Qualität gefertigt, prangt ein schmaler Ledergürtel, an dem nicht nur Münzbeutel und Schlüsselbund, Rosenkranz und Gebetbuch, sondern auch noch ein zerschlissenes Paar seidene Handschuhe und eine alte Puderdose befestigt sind. Die blonden Zöpfe der Gevatterin Schmied lugen unter einer grellweißen Spitzhaube mit gleich zwei Hörnern hervor. Darunter ist ein besonders farbenfrohes blaues Auge zu sehen. Obwohl Katerina weiß, dass die Schmiedin von ihr gerne respektvoller angesprochen würde, nähert sie sich ihr mit einer Mischung aus Mitleid und spöttischer Besorgnis.

„Was hat er dir wieder angetan, Gevatterin? Warte, ich habe dort drüben eine hervorragende Salbe. Die wird machen, dass es schneller heilt.“

„Ach, lass’ nur, Hebamme“, lispelt die Schmiedin mit einer wegwerfenden Handbewegung, „deshalb bin ich nicht hier. Es geht um meinen Mann.“

„Das sehe ich“, sagt Katerina sarkastisch, während sie der Frau, ungeachtet ihrer Proteste, die Salbe auf das zerschundene Auge aufträgt.

„Nein, das meine ich nicht. Es ist …, nun ja, … ich wünsche mir doch so sehr noch ein Kind!“

„Solltest du dich mit diesem Wunsch nicht an deinen Mann wenden?“

Plötzlich laufen Tränen über das Gesicht der Schmiedin, und es verliert seinen hochmütigen Ausdruck.

„Mach’ dich nicht lustig über mich! Es ist so schon schlimm genug. Er will ja auch, aber er … er kann eben nicht!“

Während die Schmiedin beide Hände vors Gesicht schlägt und herzzerreißend zu schluchzen beginnt, zieht Katerina eine Braue hoch und wirft Hippokrates einen bedeutungsvollen Blick zu. Der schwarze Kater weiß, dass seine Herrin den Schmied nicht sonderlich leiden kann, und sicherlich mit Genugtuung die Kunde von der versiegenden Manneskraft des Kerls vernimmt.

„Schlägt er dich deshalb, Gevatterin?“

Schluchzend nickt die zarte Blondine, und sie spricht:

„Natürlich, deshalb auch. Schließlich ist es die Schuld der Frau, wenn die Säfte des Mannes in ihrem Bette versiegen. Aber was soll ich denn nur tun, Katerina, was soll ich tun? Ich habe schon alles versucht, wirklich alles! Ich stelle Dinge mit meinem Mann an, die dem Pfaffen nächsten Sonntag bei der Beichte wieder die Zornesröte ins Gesicht treiben werden! Es ist so demütigend!“

„Na, na, beruhige dich. Warte hier. Ich bin gleich wieder da.“

Während Katerina in das niedrige, runde Kellergewölbe des Häuschens hinab steigt, wo sie die etwas heikleren Kräutermedizinen vor allzu neugierigen oder nicht ganz wohlmeinenden Blicken verbirgt, steht die Schmiedin auf, greift sich Hippokrates und beginnt, mit abwesendem Blick in seinem Fell herum zu zupfen. Seiner Gebieterin zuliebe, die zahlende Kundinnen nur ungern schlecht behandelt, lässt er es sich gefallen. Endlich kehrt Katerina aus dem Keller zurück, und ihre schönen Augen blitzen vergnügt, als sie ein geheimnisvoll milchig trübes Fläschchen vor die Schmiedin auf den Tisch stellt.

„Gib’ ihm jeden Abend fünf Tropfen davon in sein Met. Es sollte schon nach drei Tagen wirken. Beginne bei Neumond mit der Behandlung. Das ist diesen Donnerstag.“

„Aber dann muss ich mich ja noch zwei Nächte lang schlagen lassen!“

„Für zwei weitere Silbermünzen schaffe ich dir auch dieses Problem vom Halse.“

„Wirklich?“

In den verheulten Augen der Gevatterin Schmied blitzt Hoffnung auf, als sie ihr Münzbeutelchen zückt und ohne Murren zahlt. Dann greift sie sich das Fläschchen, verbirgt es sorgsam in einer tiefen Falte ihres Oberkleids, und dankt Katerina auf dem Weg nach draußen wortreich.

„Brrr“, schüttelt sich Hippokrates angewidert, als sie endlich die Tür hinter sich schließt, „ich hasse dieses törichte Weib!“

Er beginnt sofort, sein Fell, das furchtbar in Unordnung gebracht wurde, energisch zu schlecken.

„Sag’ so etwas nicht, du nutzloser Kater! Du weißt ja nicht, was die arme Frau mit diesem ungeschlachten Trunkenbold schon alles mitgemacht hat.“

„Das ist keine Entschuldigung für Dummheit.“

„Du bist zu hart zu ihr“, seufzt Katerina, und plötzlich klatscht sie energisch in die Hände „aber jetzt haben wir zu tun, mein Lieber! Schließ’ die Läden!“

Gehorsam hüpft Hippokrates vom Stuhl, springt nach draußen, sieht sich gründlich um und beginnt, die Läden mit seinen kräftigen Pfoten zu schließen. Als das gesamte Häuschen verdunkelt ist, schließt Katerina die Haustür hinter ihm und verbarrikadiert sie zusätzlich mit einem Balken. Sie hat in der Zwischenzeit einige dicke, dunkelrote Kerzen angezündet, den Tisch frei geräumt und mannigfaltige Ingredienzien zusammen getragen. Mit geschickten Bewegungen hängt sie einen kleinen Kessel über die Kochstelle, füllt ihn mit wenig frischem Wasser, und wirft in genau festgelegter Reihenfolge Wurzeln, Pülverchen und Kräuter hinein. Als das Gebräu zu dampfen beginnt, holt sie hinter einem Regal ein sorgfältig verstecktes Pergament hervor und liest die Beschwörungsformel ab. Obwohl Hippokrates die lateinischen Wörter nicht versteht, hört er ihr immer wieder gerne dabei zu, zumal sie eine sehr schöne, verführerische Stimme hat. Er schleicht ein wenig näher an Katerina heran, springt ganz vorsichtig auf das Regal in der Nähe der Kochstelle und inhaliert genüsslich die Dämpfe, die aus dem Kupferkesselchen hervor quellen. Instinktiv spürt er, dass sich einer von Katerinas Schutzgeistern im Raum manifestiert, obwohl der Geist noch nicht zu sehen ist. Es ist der gutherzige, zu Lebzeiten für ruhmreiche Taten viel besungene Atores – und jetzt bemerkt auch Katerina seine Anwesenheit. Mit einem freundlichen Lächeln dreht sie sich zur Raummitte, wo der ätherisch leuchtende, durchsichtige Körper des Mannes erscheint, der immer noch von stattlichem Äußerem ist.

„Atores! Seid gegrüßt. Ich bin froh, dass Ihr gekommen seid, und nicht einer der anderen.“

„Ihr ehrt mich, schöne Katerina. Gerne würde ich Eure Hand zum Kusse an meine Lippen führen, aber ich fürchte, Euch durch die Energie meiner außerweltlichen Berührung zu verängstigen. Was ist Euer Begehr, und wieso vermag ich dabei zu helfen?“

„Nun, weil Ihr zu Lebzeiten, so hörte ich, ein wahrlich tapferer Ritter von edler Gesinnung gewesen seid. Und genau an einen solchen habe ich eine wichtige – eine ehrenvolle - Aufgabe zu vergeben. Eine zarte, hilflose Frau wird von ihrem eigenen Manne misshandelt, und es fehlt dem armen Geschöpf an einem edlen Recken, sie zu beschützen.“

„Oh, eine Mission im Dienste des Guten! Ich stehe zu Eurer Verfügung!“

Hippokrates wendet sich leicht ab, um vor dem edelmütigen Schutzgeist sein amüsiertes Lächeln zu verbergen. Wie gut kennt Katerina die Persönlichkeit jedes einzelnen dieser manchmal so launischen Helfer aus der Zwischenwelt! Noch nie hat der Kater miterlebt, dass sie ihr einen Dienst verwehrten. Katerina schlägt kokett die Augen nieder, errötet leicht, und spricht:

„Ich danke Euch im Namen aller schutzlos ausgelieferten Frauen, werter Atores. Nun eilt in das Haus des Schmieds und tragt Sorge, dass seine Hand, sollte sie erneut das Gesicht seiner schönen Frau zu entstellen trachten, stattdessen etwas trifft, das ihr an Kraft und Widerstand gewachsen ist.“

Atores’ gläserner, leuchtender Körper verneigt sich zu einer vollendeten Verbeugung, und er löst sich ohne Hast in Luft auf.

„Na, das lief doch gut“, stellt Katerina zufrieden fest.

Die nächsten Tage verstreichen höchst geruhsam. Hippokrates und seine Herrin verlassen ihr Häuschen nur, um nach der Kachelsbergerin und ihrem Neugeborenen zu sehen. Die übrige Zeit verbringen sie damit, die Medizinen zu brauen, die von den Frauen des Dorfes so rege nachgefragt werden.

Am frühen Freitagmorgen sitzen die beiden bei einer ausgiebigen Mahlzeit, als völlig unerwartet der Schmied in Katerinas Häuschen stürmt. Er muss sich ducken, um seinen Kopf nicht an den Deckenbalken zu stoßen. Er trägt einen Verband um seine rechte Hand, aber das hindert ihn nicht daran, eine scharf glänzende Axt zu umklammern. Sein Gesicht ist rot angelaufen und er schnaubt und wütet wie ein nervöses Streitross. Ungestüm tritt der Schmied an den Tisch heran. Mit einem Arm fegt er Schüsseln und Brotkorb vom Tisch, in der anderen Hand saust das milchig trübe Fläschchen hernieder, zerspringt, und die Splitter fliegen in alle Richtungen. Mit einem spitzen Schrei weicht Katerina vor ihm zurück, die goldbraunen Augen angstvoll aufgerissen. Hippokrates faucht und begibt sich mit einem Satz auf das höchste Regal, das er erreichen kann.

„DU HEXE! Das habe ich bei meiner Frau gefunden! Sie hat versucht, mich damit zu vergiften! Dafür wirst du mir büßen!“

„Ihr irrt Euch, Schmied“, stammelt Katerina, kreidebleich, „ich wollte Euch doch nur helfen! Weil sich Eure Frau so sehr ein weiteres Kind wünscht!“

„Ein was? Sie hat… sie hat dir doch nicht etwa …? Ohhhh, dieses Weibsbild, und ihr loses Mundwerk! Das wird sie bereuen!“

„Ich habe es nur gut gemeint, Schmied. Ich wollte Euch helfen“, versucht Katerina, ihn zu beschwichtigen.

„Ich brauche deine Hilfe nicht, Hexe!“

Der Schmied spuckt vor ihr aus, wirft seine Axt auf den Boden und springt auf Katerina zu. Er packt sie bei den Haaren und zerreißt ihr mit einem Ruck das Oberkleid. Als Hippokrates das sieht, springt er dem Schmied mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht. Der Riesenkerl heult wütend auf, packt den Kater mit einer Hand und wirft ihn in eine Zimmerecke. Die Atemluft entweicht aus Hippokrates’ Lunge, und er verliert das Bewusstsein.

Als der schwarze Kater erwacht, sieht er, dass Katerina in ihrer offenen Haustür steht und aus vollem Halse schreit:

„Ha! Das geschieht dir Recht, Schmied! Das nächste Mal, wenn du eine Frau schänden möchtest, trink’ vorher meine Medizin, anstatt sie zu zerschmettern! Dann gelingt es dir vielleicht!“

Sie wirft die Haustür schwungvoll in die Angeln, lehnt sich mit dem Rücken dagegen und sinkt langsam zu Boden. Bevor sie die Hände vor ihr Gesicht schlägt, sieht Hippokrates, dass ihr ein Zahn fehlt und sie aus der Nase blutet. Ihre linke Wange ist stark angeschwollen, und ihr Unterkleid hängt in Fetzen herab. Er rafft sich, vor Schmerzen jammernd, auf, kriecht zu seiner Herrin und leckt ihr beschwichtigend den entblößten Arm. Am Abend desselben Tages, als die beiden sich verarztet und beruhigt haben, sagt Hippokrates nachdenklich zu Katerina:

„Ihr hättet ihn nicht derart verspotten sollen, Herrin. Als unverheiratete Jungfer und Hebamme solltet Ihr vorsichtiger sein.“

„Ich weiß, Hippokrates“, seufzt Katerina leise, „aber ich war so wütend! Ich konnte mich nicht zusammenreißen.“

„Aber nun habt Ihr schon zwei Feinde im Dorf, Katerina! Erst der Arzt, und nun noch der Schmied!“

„Ja, ich war wohl etwas hitzig zum Arzt“, erinnert sich Katerina, „aber ich hatte Recht! Es ist Unsinn, die Siechen zur Ader zu lassen! Ihre Körper müssen gekräftigt werden, nicht noch mehr geschwächt!“

Hippokrates schüttelt seinen schwarzen Kopf und rollt sich schnurrend im Schoße seiner temperamentvollen Gebieterin zusammen. Mitten in der Nacht erwacht der Kater von einem grauenvollen Getöse an der verrammelten Haustür.

„Lass’ uns ein, Weib!“, schreit eine schrille Männerstimme. Es ist die Stimme des Arztes.

Katerina läuft auf Zehenspitzen zu einem Fenster und lugt durch die Läden.

„Der Arzt und der Schmied! Sie haben den Pfaffen dabei. Was soll ich nur tun?“

„Öffne die Tür, oder wir treten sie ein!“, donnert die Stimme des Schmiedes durch die Vollmondnacht.

„Ich fürchte, wir haben keine Wahl. Ich habe dir immer gesagt, ein Fluchtweg aus dem Häuschen wäre eine sinnvolle Einrichtung“, jammert Hippokrates, dessen gesamtes Fell sich angstvoll sträubt.

Katerina greift sich den Kater, drückt ihn fest an sich, und öffnet die Tür für die drei Männer. Der Schmied stürmt ihnen voran in das Häuschen. Er hat einen gewaltigen Morgenstern in der Rechten, und eine schwere Armbrust auf dem Rücken. Der Arzt kommt hinterher, ein Kurzschwert an seinem Gürtel. Schließlich tritt der Pfaffe ein, würdevoll die Nase rümpfend.

„Müsst Ihr Euch derart schwer bewaffnen, um mitten in der Nacht eine wehrlose Frau zu besuchen?“, spöttelt Katerina, aber ihre Stimme zittert.

„Schweig, Teufelsgespielin!“, befiehlt der Pfaffe herrisch, „diese beiden Männer haben schwere Anschuldigungen gegen Euch vorgebracht.“

„Letzten Winter hast du das Neugeborene der Frau des Tuchmachers getötet und dem Teufel, deinem Gebieter, geopfert!“, keift sie der Arzt an.

„Das ist eine Lüge!“, schreit Katerina entrüstet zurück, „es war eine Totgeburt! Das kommt vor! Der Tuchmacher soll froh sein, dass ich seiner Frau das Leben gerettet habe!“

„Und was ist mit dem Schmied?“, zischt der Pfaffe boshaft, „willst du abstreiten, dass du ihm seine Manneskraft durch Zauberei genommen hast?“

Der Schmied knirscht mit den Zähnen und starrt seine Schuhspitzen an.

„Ihr seid ja verrückt geworden, alle drei miteinander! Die Frau des Schmieds hat mich um Hilfe gebeten, weil sie noch ein Kind wollte!“

„Wir wollen keine Lügen mehr aus deinem verderbten Mund hören, Satanshure“, flüstert der Pfaffe mit hochrotem Kopf, „ergreift sie!“

Hippokrates faucht und hackt mit seinen Krallen nach der Hand des Schmiedes. Der droht ihm mit seinem Morgenstern, aber Katerina kommt ihm zuvor und wirft Hippokrates von sich.

„Kein Grund, den Kater auch mitzunehmen“, sagt sie mit fester Stimme, „wir machen das unter uns aus.“

Hippokrates flieht auf ein Regal und muss, hilflos fauchend, mit ansehen, wie der Arzt seine Herrin beim Schopfe packt und ihr den Arm hinter den Rücken dreht. Sie jammert vor Schmerzen. Der Schmied zerreißt wütend ihr Nachtgewand. Plötzlich richtet er seine Armbrust auf Hippokrates und schickt sich an, einen Bolzen abzuschießen.

„Nein!“, sagt der Pfaffe mit autoritärer Stimme, „schließt den Kater im Haus ein. Wenn wir nachher zurückkehren und das Haus nieder brennen, wird das besessene Tier im Flammentod einen Vorgeschmack auf das Reich seines wahren Meisters bekommen!“

Der Schmied dreht sich zur Tür und brüllt im Hinausgehen lachend:

„Auf in den Wald mit der Hexe! Wir werden ihr die Zauberei schon austreiben!“

Der Pfaffe wirft Hippokrates einen hochmütigen Blick zu und verrammelt die Tür hinter sich. Vor Wut zitternd, bleibt der Kater an Ort und Stelle sitzen und denkt nach. Schließlich reißt er sich zusammen, steht langsam auf, springt von Regal zu Regal, und trägt die Zutaten für das Beschwörungsritual zusammen. Zum Glück hängt ein kleiner Kupferkessel über der Feuerstelle. Vorsichtig wirft Hippokrates die Ingredienzien hinein, immer auf die Reihenfolge bedacht, die er Katerina abgeschaut hat. Als das Gebräu zu sieden beginnt, breitet er das geheime Pergament aus, und liest den Zauber, laut jaulend, im Licht des Vollmondes ab.

„Nein! Friss mich nicht!“

Ein winzig kleines Männchen mit einem runzligen Gesicht und einer roten Nase ist plötzlich auf dem alten Tisch erschienen. Es stößt einen angstvollen Schrei aus und versteckt sich blitzschnell vor Hippokrates, der es, verdutzt blinzelnd, aber ansonsten völlig reglos, anstarrt. Eine leuchtend gelbe Zipfelmütze lugt zitternd über den Rand von Katerinas Mörser.

„Ich will dich nicht fressen“, maunzt Hippokrates schließlich, „ich kann im Moment wirklich nicht ans Essen denken! Was willst du überhaupt hier?“

„Na, Euch sitzt der Schalk ja im Nacken, Herr Kater!“, piepst das Männchen, „Ihr wart es doch, der mich gerufen hat. Wenn ich allerdings gewusst hätte, dass Ihr ein Kater seid, und zwar ein riesiges, schwarzes Exemplar mit spitzen Zähnen und scharfen Krallen, wäre ich Eurer Beschwörung bestimmt nicht gefolgt!“

„Du … bist ein Kobold! Ich brauche keinen Kobold! Wo stecken Katerinas Schutzgeister? Verflixt und zugenäht! Ich wusste ja, dass sich Latein in jeder Sprache anders anhört. Das gilt wohl auch für die Katzensprache.“

Plötzlich stockt Hippokrates, gibt sich selbst eine Ohrfeige, und fährt fort:

„Genug! Verschwinde sofort wieder, Kobold, damit ich weiter nach den Schutzgeistern rufen kann!“

Der Kobold lugt ganz vorsichtig über den Mörser-Rand, hört auf, zu zittern, und zieht eine beleidigte Miene.

„Wenn Ihr Atores und die seinen meint, Gevatter Kater: Die sind beschäftigt. Also kann ich Euch auch ein bisschen aufheitern, wenn ich schon hier bin. Ihr scheint mir doch sehr verspannt zu sein.“

„Verspannt? Ich bin nicht verspannt! Und was soll das heißen, beschäftigt? Es geht hier schließlich um Katerina!“

Der Kobold getraut sich, hinter dem Mörser hervor zu trippeln, setzt sich auf die Tischkante und lässt seine Beinchen baumeln, während er entgegnet:

„Liebesangelegenheiten? Nein, für so etwas bin ich nicht zuständig, leider! Aber ich kenne eine reizende und in diesen Dingen sehr erfahrene Elfe, die könnte ich dir vielleicht …“

Mit einem gereizten Fauchen unterbricht Hippokrates den Kobold:

„Hör’ auf, zu plappern! Es geht nicht um die Liebe! Es geht um Leben und Tod!“

„Also wirklich. Ich wusste ja, dass Menschen keinen Spaß verstehen. Aber dass Katzen auch keinen Humor besitzen, ist mir wirklich neu. Verlangt es Euch denn gar nicht nach ein bisschen Unterhaltung, jetzt, wo ich mir schon einmal die Mühe gemacht habe, hierher zu kommen?“

Hippokrates dreht sich um sich selbst und jagt verzweifelt seinen eigenen Schwanz. Der Kobold plappert ungerührt weiter:

„Komm’, ich bringe dir bei, über dich selbst zu lachen. Ich habe damit überhaupt kein Problem.“

Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, schlägt der Kobold mehrere rasche Purzelbäume über den gesamten Tisch, verheddert sich in einem Wollknäuel, das Katerina zum Binden von Kräutern benutzt, fällt auf die Nase, rappelt sich wieder auf, stolpert, und landet schließlich kopfüber in dem Mörser. Er zappelt verzweifelt mit seinen winzigen Beinen, befreit sich aus dem Wollknäuel, und fällt auf sein Hinterteil, während er sich, Tränen lachend, das Bäuchlein hält. Gegen seinen Willen muss Hippokrates, der die Vorführung reglos und mit offenem Mund beobachtet hat, kurz grinsen. Doch dann gewinnt seine Verzweiflung wieder die Oberhand.

„Ich… muss… jetzt… wirklich… Katerina… helfen. Entweder du sagst mir auf der Stelle, was so wichtig ist, dass ihre Schutzgeister nicht hierher kommen können, oder ich überlege mir das mit der kleinen Koboldmahlzeit noch einmal!“

Der Kobold hört auf, zu lachen, und hebt abwehrend die Arme vor sein Gesichtchen.

„Nein, nein! Tut mir kein Leid an, werter Herr Kater! Wieso habt Ihr nicht gleich gesagt, dass Ihr Atores und die anderen zu sprechen wünscht? Ich sage Euch, wo sie sich aufhalten. Sie sind alle bei einer Hebamme, die irgendwie in Schwierigkeiten steckt. Wenn ich das richtig verstehe, trachten drei Männer der armen Frau nach dem Leben – und vermutlich auch nach der Unschuld. Menschen! Pah! Wenn sie ein bisschen öfter lachen und sich amüsieren würden, würden sie einander bestimmt nicht so viele schreckliche Dinge antun! Wenn Ihr es wünscht, lieber, rechtschaffener, überhaupt nicht hungriger Kater, mache ich mich sofort auf den Weg zu Atores und sage ihm, dass er aufhören soll, die Hebamme zu beschützen, um mit Euch zu reden! Ja? Soll ich? Ich bin schon unterwegs!“

„Nein! Untersteh’ dich! Ihre Schutzgeister sind also schon bei Katerina? Trefflich, ganz trefflich! Aber wie hat sie sie bloß rufen können, ohne das Ritual? Wie auch immer! Das ist wundervoll! Komm’ her, du wunderbarer Kobold! Lass’ dich küssen!“

„Ich verschwinde dann mal …“

„Nein! Es ist alles gut! Atores und die anderen sollen bei der Hebamme bleiben! Bei Gott, ich hoffe, sie werden sie retten können.“

„Die Amme? Das ist Eure Katerina? Naja, macht Euch nicht so viele Hoffnungen. Ihr wisst ja, dass Geister sich nur bedingt in die Welt der Menschen einmischen können. Manche, unsensible Menschen spüren nicht einmal die Anwesenheit eines Geistes, wenn er ihnen auf den Füßen steht.“

„Ach, Unsinn! Atores wird etwas einfallen! Bei Gott, du hast mir sehr geholfen, Herr Kobold!“

„Nun denn, ich bin mir da zwar nicht so sicher, weil Ihr immer noch nicht richtig gelacht habt, Herr Kater, aber ich empfehle mich jetzt. Meine Frau reißt mir den Kopf ab, wenn ich nicht rechtzeitig zuhause bin.“

Der Kobold winkt Hippokrates mit einem winzigen Händchen zu und verschwindet auf der Stelle. Nur ein kleines, giftig gelbes Rauchwölkchen bleibt zurück, doch auch dieses verflüchtigt sich rasch. Hippokrates atmet erleichtert aus, rollt sich an Ort und Stelle müde zusammen und beschließt, die bangen Stunden des Wartens auf Katerinas Rückkehr zu verschlafen.

Ein nebliger Morgen graut, als Hippokrates gähnend erwacht, weil sich irgendetwas im Zimmer verändert hat. Er sieht sich blinzelnd um, und erblickt Katerina, die ihn aus den Schatten einer Zimmerecke lächelnd ansieht.

„Herrin! Ihr seid am Leben! Gott sei Dank!“

Plötzlich bemerkt Hippokrates, dass Atores im Raum erscheint.

„Danke! Danke, dass Ihr sie gerettet habt!“, maunzt der Kater ihm überglücklich zu.

Atores’ gläsernes Gesicht lächelt ihn freundlich an, und er dreht sich wieder Katerina zu. Aber, ach! Was muss der arme Hippokrates sehen!

„Es ist wahr, Hippokrates“, flüstert Katerina. Ihre Stimme fegt wie ein Meeresrauschen durch den Raum, und alle unbelebten Gegenstände scheinen sich unter ihr zu ducken.

„Ich bin jetzt eine der Schutzgeister. Atores hat mich zu sich und den seinen genommen, weil mein Tod unabwendbar war.“

„Nein!“, jammert Hippokrates, „das darf nicht sein! Wieso habt Ihr das nicht verhindert, Atores? Wieso habt Ihr mit angesehen, was sie ihr angetan haben? Was haben diese verfluchten Menschen mit meiner Herrin gemacht?“

Während Hippokrates noch Katerinas Erscheinung anstarrt, und sich widerwillig eingesteht, dass ihre Anmut und Schönheit durch die Verwandlung zum Schutzgeist noch gewachsen ist, spricht sie wieder zu ihm:

„Gräme dich nicht, mein treuer Kater. Die Schändungen und der gewaltsame Tod im Wald liegen nun hinter mir, und ich erinnere mich nicht an Demütigung oder Schmerzen. Ich wollte, dass Atores mich zu sich nimmt. Ich bin nun mächtiger als jemals zuvor, und ich werde weisen Gebrauch von meinen neuen Fähigkeiten machen.“

„Aber ich will hier nicht alleine zurück bleiben! Nimm’ mich mit!“

„Nein, mein lieber Hippokrates. Für dich gibt es noch viel zu tun im Land der Lebenden. Ich werde immer für dich da sein, wenn du mich rufst. Aber jetzt ziehen wir davon, um Menschen in Not zu helfen … obwohl, wenn ich’s recht bedenke, habe ich vorher noch einige Rechnungen zu begleichen.“

„Was ist mit unserem Häuschen? Sie wollten es niederbrennen!“

„Atores hat dafür gesorgt, dass ihnen dieser Vorsatz gänzlich entfallen ist. Nötig war es nicht einmal – denn, als sie mit mir fertig waren, gingen sie zur Schänke, um ihren Sieg mit reichlich Met zu feiern. Leb’ wohl, mein treuer Kater!“

Atores wirft Katerina einen verliebten Blick zu, als die beiden Geister beginnen, zu verschwinden. Hippokrates rollt sich trauernd zusammen und jammert sich leise in den Schlaf.

Zwei Monate später zieht ein zerlumptes, halb verhungertes Mädchen in das kleine Häuschen ein, und es befreit Hippokrates von seiner Einsamkeit. Es ist von seinen bettelarmen Eltern verstoßen worden, weil es stur behauptet hat, mit den Tieren sprechen zu können. Noch bevor Hippokrates beginnt, die Kleine in die Heil- und Hebammenkunst einzuweisen, erzählt er ihr die Geschichte von Katerina, damit sie ihre Lehre daraus ziehe und selbst umsichtiger handle.

Zehn Tage nach Katerinas Verwandlung in einen Schutzgeist erfährt Hippokrates von der gelb getigerten Kätzin, dass die Schmiedin davon gelaufen ist. Niemand versteht, wieso der Schmied und die Männer, die an seiner Seite nach der Flüchtigen suchen, sie ums Verrecken nicht finden können – niemand außer Hippokrates. Der nämlich hat eine leise Ahnung, wer der Schmiedin bei ihrer Flucht Beistand geleistet hat.

Der Arzt pfuscht den Leuten monatelang Furunkel und üble Ekzeme an, anstatt sie zu heilen. Irgendwann platzt selbst den geduldigsten Dorfbewohnern der Kragen, und Hippokrates beobachtet mit einer gewissen Genugtuung, wie der Arzt mit Schimpf und Schande aus dem Dorf gejagt wird.

Dem Pfaffen löst sich nach Katerinas Verschwinden bei der sonntäglichen Predigt nicht mehr die Zunge, und er stottert und verhaspelt sich, dass die Gemeinde Bauchschmerzen bekommt beim Versuch, ihn nicht auszulachen. In einer rabenschwarzen, kalten Winternacht, findet ihn seine Haushälterin schließlich, an seiner eigenen Glockenschnur erhängt.

Und Hippokrates und seine neue Herrin leben glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage – und geraten niemals in Verlegenheit, wenn sie die Dienste zweier ebenso umtriebiger wie begabter Schutzgeister benötigen.

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Die Herausforderung