Licht
(Auszug aus der Anthologie: Das Auge der Elster)

Schwungvoll stößt sie sich mit ihrem mittleren Beinpaar von der Tischplatte ab und wirft die durchsichtigen Flügel an. Sie fliegt zwei übermütige Runden über der gemütlichen Essecke, die sie freigiebig mit ihren Menschen teilt. Zufrieden betrachtet sie ihr Tagewerk, von oben, während ihr unermüdliches Flügelpaar keine Sekunde aus dem Takt gerät. Ein präzise intoniertes, behagliches Summen begleitet ihren rasanten Flug. Sie hat ganze Arbeit geleistet: Alle flüssigen Essensreste der Menschen weggeschlürft, die festen mit Verdauungssäften aufgelöst und ebenfalls beseitigt. Sie lobt sich jeden Tag selbst für ihre Gründlichkeit und ihr Pflichtbewusstsein. Sie hat auch schon von anderen gehört, die sich Menschen halten, ohne sich der großen Verantwortung bewusst zu sein, die sie damit übernehmen. Diese Naivlinge gehen einfach davon aus, Menschen seien ebenso reinlich und geschickt wie sie selbst. Wenn die riesigen Säuger dann aber ihr wahres Wesen offenbaren - sich in ihrer ganzen Achtlosigkeit, Unsauberkeit und Tollpatschigkeit präsentieren - ist das Gejammer der Fliegenschar groß.

Ihr kann das nicht passieren. Sie hatte schon immer ein intuitives Verständnis für die Bedürfnisse und die sprunghaften Launen der Menschen. Sie fliegt eine letzte Kontrollrunde, als der eine Mensch, den sie besonders drollig findet, die Küche verlässt und die glatt polierte Wendeltreppe nach oben läuft. Sie fühlt sich heute ausgenommen wohl; sie schätzt die Außentemperatur auf mindestens fünfunddreißig Grad. Die Krümel, die von den achtlosen Menschen im ganzen Haus verstreut werden, haben sich heute fast von selbst verdaut. Außerdem konnte sie sich das kräftezehrende Suchen ersparen, weil der Geruch der rasch vermodernden Essensreste ihr den Weg zuverlässiger wies als jedes noch so moderne Navigationssystem. Sie hat genügend Energiereserven übrig, und so folgt sie ihrem Lieblingsmenschen, gemächlich summend, nach oben.

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Nur noch Hoffnung