Nur noch Hoffnung
(Auszug aus der Anthologie: Das Auge der Elster)

Karins Schreie sind nicht mehr auszuhalten. Es ist nicht die erste Geburt, die ich miterlebe, seit sie uns hier drinnen eingesperrt haben. Aber es ist mit Sicherheit die Schlimmste. Sylvia, die in unserem vorherigen Leben Ärztin gewesen ist, schreit die beiden Geburtshelfer schon seit Stunden an:
„Macht einen Kaiserschnitt, ihr Bastarde! Merkt ihr denn nicht, dass es so nicht klappt? Ihr Scheiß-Idioten!“

Wie immer reagieren sie nicht. Sie scheinen weder unsere Sprache noch Gestik oder Mimik als Kommunikationsversuche zu werten. Ich mache mir fast mehr Sorgen um Sylvia als um die gebärende Karin, die sich inzwischen in einer Art Delirium befindet, durch Schmerzen und die unbezwingbare körperliche Abneigung hervorgerufen, die wir alle verspüren, wenn sie uns anfassen. Die Ärztin schwitzt am ganzen Körper. Ihre Stimme ist inzwischen furchtbar heiser, und sie hat sich die Handgelenke, die in den graublau-schleimigen, aber ungemein unnachgiebigen Fesseln stecken, die wir alle tragen, bei ihren Ausbruchsversuchen wund gescheuert. Sie sollte doch wissen, dass es kein Entkommen gibt. Schließlich haben wir alle es in den ersten Wochen ununterbrochen versucht. Die widerlichen Schleimfesseln vergeblich gebissen, getreten, daran herum gezerrt - ohne Erfolg.
Tränen der Erleichterung laufen fast allen über die Gesichter, die in Karins Box sehen können. Ihre Peiniger haben endlich, Stunden zu spät, verstanden, was zu tun ist. Obwohl ich mich beinahe übergeben muss, als sie ihre „Arme“ (darf ich sie guten Gewissens so nennen? „Tentakel“ wäre vielleicht angebrachter, aber auch das beschreibt nicht einmal annähernd die Fremdartigkeit dieser natürlich gewachsenen Folterwerkzeuge) ausstrecken und mit raschen Bewegungen Karins schweißnassen, aufgeblähten Bauch aufschlitzen, bin ich doch erleichtert, dass sie endlich mit dem Kaiserschnitt beginnen. Wie immer scheinen sie es nicht für nötig zu halten, irgendeine Form der Betäubung anzuwenden. Nach einem markerschütternden Schrei, der mich gequält zusammen sacken lässt, als wären ihre grauen, formlosen, madenähnlich zuckenden Arme in meinen eigenen Unterleib eingedrungen, wird Karin bewusstlos.

„Wird sie überleben?“, frage ich Sylvia, die vor Erschöpfung auf den Kot- und Urinverschmierten Boden gesunken ist.
„Ich weiß es nicht“, krächzt die ehemalige Ärztin heiser, „wenn ich hätte helfen können, vielleicht. Aber die verdammten Aliens sind ja zu bescheuert, auch nur zu versuchen, mit uns zu reden!“

Ich zucke zusammen, als Sylvias kräftige Faust krachend die hölzerne Trennwand zwischen unseren Boxen zum Erzittern bringt. Eines der beiden Aliens hebt das glatte, graue Ding, das wir für eine Art Kopf halten, und blickt uns mit den fünf eisblauen, niemals blinzelnden Dingern an, die wir für Augen halten. Dann wendet es sich wieder Karins Bauch zu. Widerwillig stelle ich mich erneut auf die Zehenspitzen, um zu erkennen, was vor sich geht. Vier der madenähnlichen Arme wühlen mit entschlossener Rücksichtslosigkeit in Karins Bauch herum. Selbst in der Bewusstlosigkeit sind die Gesichtszüge der zierlichen, rothaarigen Frau noch schmerzhaft verzerrt, und ab und zu flattert eines ihrer Lider, nur, um die unteren Hälften ihrer schrecklich geröteten Augäpfel kurz aufblitzen zu lassen.

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Hippokrates' Herrin