Auf der Reurosebene
(Auszug aus Kapitel II meines Romans: Die Kristallwandler)

Kazaron durfte voller Stolz von sich behaupten, die zweitgrößte Stadt Koldaruns zu sein. Nach zwei Seiten von einer ausgedehnten Kette hoher, teils aktiver vulkanischer Berge begrenzt, und zweigeteilt von dem Udyreg, einem mächtigen, niemals versiegenden Lavastrom, hatte sich die Stadt über Jahrhunderte, allen Eroberungsversuchen neidischer Stämme zum Trotz, gehalten und ausgebreitet. Der Udyreg, der sich unaufhaltsam durch Kazaron wälzte und erst weit draußen in der Wildnis zu bröckeligem schwarzem Gestein erkaltete, teilte die prächtigen Villen und die ärmlichen Baracken der Stadt ebenso wirkungsvoll voneinander, wie die religiösen Gesetze die herrschende Kaste der Lunros von den übrigen Koldaren, den zahlenmäßig weit überlegenen Eronni, trennten.

Nicht auf Reichtümer oder militärische Macht stützte sich der Herrschaftsanspruch der Lunros seit über siebenhundert Jahren – obwohl sie beides mit der Zeit in reichlicher Menge erlangt und an sich gebunden hatten. Nein, es war ihr angeborenes Recht, die Geschicke der anderen, der mittellosen Eronni, in ihren Händen zu halten – ein Recht, das für alle deutlich an ihrem Geburtsmal, dem Gehrun, das nur die Brust der Lunros zierte, zu erkennen war. Der koldarische Gott Arkondos galt als der Urvater aller Lunros, und seine Macht floss durch ihre Adern. Die nicht unerhebliche Tatsache, dass es ihr Erbe den Lunros ermöglichte, ungemein zerstörerische magische Energien zu kanalisieren und frei zu setzen, half ihnen dabei, ihre religiöse und weltliche Macht nicht aus den Händen zu geben. Während die Eronni, die keinerlei magische Begabung besaßen, um ihr nacktes Überleben kämpften, das untrennbar mit den Lunros verbunden war, von deren Abfällen sie ihre Baracken erbauten, Kleidung zusammen nähten und sich und ihre Kinder ernährten, überwachte die herrschende Kaste die unterschiedlichsten Bereiche des Lebens auf Koldarun. Von der einfachen Jagd bis hin zu Gewinnung und Verarbeitung von Edelmetallen kontrollierten die Lunros jeden Lebensbereich mit großem Erfolg, und ohne sich jemals selbst die Hände zu beschmutzen – denn billige, abhängige Arbeitskräfte gab es im Übermaß.

Vor über siebenhundert Jahren hatten seine Erben Arkondos, nach dem Dahinscheiden seiner sterblichen Hülle und dem Beweis des Weiterlebens seines Geistes, offiziell zum einzigen Gott der Koldaren ausgerufen. Die Handlungsanweisungen, die Arkondos seinen Kindern, den Vorfahren aller Lunros, noch auf seinem Sterbebett zur Niederschrift diktiert hatte, wurden fortan die „Gesetze des Arkondos“ genannt – und diese lenkten in den darauf folgenden Jahrhunderten nicht nur das Leben im religiösen Bereich, sondern wurden von den starrköpfigen, mächtigen und charismatischen Lunros zur Grundlage ihrer gesellschaftlichen Ordnung und Rechtssprechung gemacht. Siebenhundert Jahre nach dem Tod des menschgewordenen Gottes befolgten die Koldaren seine Gesetze so, wie die Lunros sie auslegten – denn selbstverständlich lebte niemand mehr, der den sterblichen Gott oder seine Kinder und Enkel persönlich gekannt hätte, und auch niemand, der die komplizierte Sprache von damals, in der die überlieferten Gesetze verfasst waren, wirklich verstand.

Dennoch zeigten die Lunros derart große Selbstsicherheit bei der Auslegung der Handlungsanweisungen ihres mächtigen Urahnen, dass sie an der Erlangung ihrer eigenen Vorteile zu keiner Zeit gehindert wurden. Eronni, die dieses System als ungerecht empfanden und sich in all den Jahrhunderten immer wieder lautstark dagegen äußerten, wurden für das Wohl der Gemeinschaft ruhig gestellt oder, schlimmstenfalls, „geopfert“. Ihr Widerstand, der immer noch sporadisch aufflackerte, zeugte von ihrer angeborenen Tapferkeit, trug aber kaum Früchte. Denn es gab nur eine Kaste, die von Geburt an mit einem Talent für die Magie gesegnet war und dieses durch gestrenges Üben zum Wirken gewaltiger, zerstörerischer Zauber einsetzte: Die Lunros.

Zerlumpte Gestalten schlurften jenseits des Udyreg durch eine dicke Schicht aus Asche und Ruß, die den Boden zwischen den Baracken lückenlos bedeckte. Die Iroks, kniehohe, reptilienartige Geschöpfe, die züngelnd zwischen den Eronni umher wuselten und den Tritten, die für sie bestimmt waren, geschickt auswichen, entsorgten alles, was selbst die Armen nicht mehr essen wollten – einschließlich der menschlichen Exkremente. Die Ausscheidungen der Iroks vermengten sich mit dem Schweiß und Urin der Eronni, den Schwefeldämpfen, die bei ungünstigem Wind vom Udyreg herüber wehten und einem kaum fassbaren Geruch nach Siechtum und dilettantischen Hexengebräuen zu einem Übelkeit erregenden Gestank. Es war fast schon ein Segen, dass diese Gerüche denjenigen, die ihr ganzes Leben in den Baracken Kazarons zubringen mussten, gar nicht mehr auffiel. Für sie gab es nur diese eine Luft zum Atmen, genau wie es nur diese drei Viertel Kazarons – die Eronniviertel – zum Leben gab.

Entsprechend fehl am Platze fühlte sich Rendra, ein dreizehnjähriges, unterernährtes Eronnmädchen, als sie ihr klappriges Wägelchen, gefährlich hoch mit Brennholz beladen, über eine der beiden Brücken zog, die das Lunroviertel von den Stadtbezirken der weniger Begünstigten trennte. Obwohl niemand im Lunroviertel Rendra, ein Eronnkind unter Tausenden, das einfach nur seine Arbeit verrichtete, jemals eines Blickes würdigte, bemühte sie sich mit hochgezogenen Schultern und gesenktem Kopf darum, noch etwas unsichtbarer für die Lunro-Familien zu werden, die weiter oben wohnten. Zwar sahen diese Koldaren herrlich aus mit ihren sauberen Händen und Gesichtern, den prächtigen Gewändern und ihrem stolzen Gang, aber trotz ihrer strahlenden Schönheit konnten sie jederzeit in jähzornige Grausamkeit verfallen.

Während Rendra ihr Wägelchen, trotz der Erleichterung, welche die sauberen, gepflasterten Straßen des Lunroviertels ihr gewährten, schwer schnaufend die Anhöhe hoch zog, blickte sie, wie jeden Morgen, auf einen Punkt etwa vierzig Zentimeter vor ihren dürftig mit Lappen umwickelten Füßen. Als sie zwei Jahre zuvor den Weg zum Haus des mächtigen Kresolos zum ersten Mal angetreten war, um seiner Familie Feuerholz zu bringen, schaute sie noch neugierig nach rechts und links – teils, um sich nicht zu verlaufen, aber hauptsächlich, um die blitzblanken Granithäuser der Lunros und deren vornehme Bewohner gebührend zu bestaunen. Inzwischen aber schüchterten die Geschichten der Alten, die überquollen von geschändeten und ermordeten Eronnmädchen, deren Vergehen darin bestanden hatte, einen Lunro oder seine Besitztümer zu lange anzustarren, die kleine Rendra so sehr ein, dass sie den richtigen Weg anhand der vertrauten Geräusche und der hübschen Muster auf der sauber gepflasterten Straße suchte.

Kresolos, der Lunro, dessen Haushalt Rendras Familie im Austausch gegen das Feuerholz mit einem Teil seiner Abfälle versorgte, war einer der mächtigsten Männer seiner Kaste in Kazaron. Er bekleidete den Posten des obersten Aufsehers im Gefängnis von Kazaron und man munkelte, er habe gute Beziehungen zu den fünfzehn mächtigsten Lunros auf ganz Koldarun – dem Rat in Ubendor, an dessen Entscheidungen und Urteile alle Koldaren gebunden waren. Wer sich den Weisungen des fünfzehnköpfigen Rates widersetzte, den verurteilten die Lunros zu einem grauenhaft langsamen und qualvollen religiösen Opfertod. Vermutlich hatte deshalb seit über zweihundert Jahren niemand mehr die Urteile des Rates in Frage gestellt, nicht einmal im Gespräch innerhalb der Familien – denn in Koldarun hatten die Wände Ohren.

Zu Rendras Leidwesen besaß Kresolos eines der prächtigsten Häuser im Lunroviertel, das sich der phantastischen Aussicht und reinen Luft wegen am höchsten Punkt des reichen Stadtviertels befand. Als die Kleine endlich angekommen war, rieb sie ihre Hände nacheinander an ihrem graubraunen Hemd, um die Schmerzen in ihren Schwielen zu vertreiben. Dann begann sie schweigend, das Holz neben der Haustür aufzustapeln. Sobald sie das klapprige Wägelchen völlig entleert hatte, rief sie:

„Solona!“

Die jüngere Tochter des Kresolos öffnete fast sofort und scheinbar mühelos die schwere Haustür. Obwohl sie nur zwei Jahre älter war als Rendra, überragte sie das Mädchen an Größe und Körperkraft um ein Vielfaches. Wie jeden Morgen blickte sie Rendra aus hilflos mitleidigen, grünen Augen auf den gesenkten, schmutzigen Kopf. Auch Solona war eine Eronn wie Rendra, doch die Tatsache, dass Kresolos ihr Vater war, hatte ihr eine weitaus privilegiertere Stellung und das damit verbundene angenehme Leben beschert, von dem die kleine Rendra nicht einmal zu träumen wagte.

„Hier“, sagte Solona mit ihrer wohlklingenden, sanften Stimme. „Das ist dein Anteil unserer … Reste von gestern. Und nimm’ diesen Beutel von mir, als kleines Geschenk.“

Rasch schnappten sich Rendras dünne Finger den Lappen voller Knochen, dem ein schwacher Geruch nach gekochtem Wildkernelfleisch entströmte. Reglos blieb sie stehen, umklammerte ihren rechtmäßigen Lohn, und starrte das Beutelchen aus einfachem Irokleder, das ihr Solona zusätzlich anbot, ungläubig an.

„Nimm’ schon“, bestand Solona auf ihr Angebot. „Alles darin gehört mir, und ich darf es weggeben, wann und an wen ich will.“

Rendra nahm all ihren Mut zusammen und griff nach dem Beutel. Sie stieß einen erschrockenen Schrei aus, als sich eine kräftige, dunkelbraune Hand um Solonas Arm schlang und ihr der Beutel wieder entrissen wurde. Entsetzt blickte Rendra direkt in die kohlschwarz blitzenden Augen der älteren Schwester Solonas.

Meruna, eine noch nicht voll ausgebildete, aber dennoch äußerst stolze Lunro, schaute den Beutel aus Irokleder mit unverhohlenem Zorn an. Sie hatte Solona gerade noch rechtzeitig erwischt, bevor diese wieder einmal Geschenke an die Ärmsten der Eronni verteilen konnte. Die kleine, schwachsinnige Rendra war dieses Mal das Ziel von Solonas ketzerischen Bemühungen gewesen. Als das Eronnmädchen Merunas wütendes Gesicht erblickte, zog es die knochigen Schultern zusammen und wich einen unsicheren Schritt zurück.

"Verschwinde, Rendra!", herrschte Meruna die schüchterne Dreizehnjährige an. „Wage es nicht, in diesem Haus noch einmal zu betteln. Wir tun wirklich schon genug für euch!"

Rendra huschte zu ihrem klapprigen Holzwägelchen, warf den Lappen mit Essensresten hinein, und zog ihre Beute hastig auf die gepflasterte Straße zurück, die hügelabwärts zur Brücke führte. Meruna blickte ihr nach, bis sie sicher war, dass sich die Kleine auf dem schnellsten Rückweg in dasjenige der drei unsäglich schmutzigen Eronniviertel befand, in dem sie mit ihrer Mutter hauste.

Langsam drehte sich die Lunro, innerlich leise köchelnd, ihrer Schwester zu, und blickte sie fest an. Obwohl Solona ein Jahr jünger als Meruna war, überragte sie ihre Schwester um einen halben Kopf. Sie erwiderte Merunas Blick, ohne ihre sanften, dunkelgrünen Augen abzuwenden. Die fünfzehnjährige Eronn hatte während des Vorfalls geschwiegen, sprach jetzt aber leise:

"Rendra hat nicht gebettelt. Sie hat nur ihre Arbeit getan und uns Feuerholz gebracht, wie jeden Morgen. Wieso bist du so gemein zu ihr? Du weißt doch, dass sie geistig und körperlich ein bisschen zurückgeblieben ist! Sie verdient unser Mitgefühl, keine harten Worte! Den Beutel mit nützlichen Kleinigkeiten für sie und ihre Mutter wollte ich ihr freiwillig geben. Außerdem gehört alles darin mir."

Meruna ertrug die Vermessenheit ihrer Schwester nicht viel länger. Sie ließ Solonas Handgelenk los, als habe diese eine ansteckende Krankheit. Wütend zischte sie ihr entgegen:

"Wie kannst du es wagen, dich den Anweisungen des hohen Lunro-Rates zu widersetzen? Wir sorgen dafür, dass der Eronn-Pöbel alles bekommt, was er braucht. Du weißt doch, dass es jedem Nicht-Lunro untersagt ist, ihnen irgendetwas zu geben. Wieso benimmst du dich so rebellisch?"

Solonas weiche Lippen zitterten ein wenig.

"Siehst du denn nicht, dass die Eronni Hunger leiden? Sie hausen in erbärmlichen Baracken und tragen schäbige Kleidung. Der Lunro-Rat gibt ihnen nicht genug! Es macht mich so traurig, das Elend der Eronni mit anzusehen. Schließlich bin ich eine von ihnen ..."

Meruna unterdrückte mühevoll den Impuls, ihre Schwester mitten in ihr Gesicht zu schlagen. Stattdessen presste sie wütend hervor:

"Sag’ so etwas nie wieder, Solona. Du bist die Tochter des mächtigsten Lunros in Kazaron! Anstatt dich mit dem Pack abzugeben, das in den unteren Vierteln wohnt, solltest du jeden Tag dafür danken, dass du hier oben bei uns, weit weg von den anderen Eronni, leben darfst. Wenn unser Vater hört, wie würdelos du dich benimmst, wird er sehr böse auf dich sein!"

Solona strich sich die langen, rotbraunen Haare mit einer zittrigen Bewegung aus der Stirn. Dann verbarg sie ihr Gesicht in den Händen und rannte in ihr Zimmer. Meruna starrte gedankenverloren das rote Schultertuch an, das über dem eisengrauen Kleid ihrer jüngeren Schwester flatterte.

Genau wie Mutter, dachte sie, immer noch zornig. Weich und nutzlos. Was soll nur aus Solona werden?
Die Lunro seufzte und trat durch die offene Granittür vor das Haus. Wie immer lagen dicke, graue Rauchschwaden fast reglos über Kazaron. Die unzähligen Vulkane, die Merunas Heimatstadt umgaben, spieen ständig feinste Aschepartikel in die Luft, die sich zu bizarren Wolkengebilden zusammenrotteten. Nicht nur Kazaron, sondern auch die Wildnis außerhalb der Stadtgrenzen lag Tag und Nacht unter einer schweren, dunklen Decke. An wenigen Stellen glühten die Ränder der Wolken grell auf, weil sich besonders hartnäckige Sonnenstrahlen gewaltsam ihren Weg zum Boden suchten. Meruna kannte wolkenlosen Himmel nur von den seltenen Wanderungen mit ihrem Vater weit in die Wildnis außerhalb Kazarons. Wie alle Kinder Kazarons wusste die Lunro instinktiv, welche Nuance der Dämmerung über Kazaron welche Tageszeit verhieß – obwohl die Sonne stets an demselben Ort am Himmel stand, der sich nur jahreszeitlich bedingt ein wenig veränderte. Zu erkennen, dass die Nacht herein gebrochen war, stellte sich als vergleichsweise einfach dar, denn dann ließ das zusätzliche Licht des Mondes die Wolkendecke heller leuchten. Als Merunas finsterer Blick prüfend über die aschebedeckten Dächer der weiter unten am Hang liegenden Häuser glitt, stellte sie überrascht fest, dass die Mittagszeit nur noch eine halbe Stunde auf sich warten ließ. Das bedeutete, ihr blieb nicht viel Zeit, bis ihr Vater sich eine Pause von seinen Pflichten als oberster Aufseher des Gefängnisses gönnen würde. Sie durfte ihn auf keinen Fall verärgern, indem sie zu spät zu ihrer Verabredung erschien! Schließlich versprach das vielbeschäftigte Familienoberhaupt nicht oft, seine wissbegierige Tochter auf die Reurosebene zu begleiten. So, wie Meruna aussah, durfte sie unmöglich zu ihm gehen: Barfuss, mit offenen Haaren und ohne zumindest eines der Zeichen ihres Status, ihren langen schwarzen Lunromantel, zu tragen.

"Mutter!“, rief Meruna ungeduldig, als sie zurück in ihr Zimmer eilte. „Komm schnell, du musst mir meinen Zopf flechten!"

Während sie in ein dünnes rotes Gewand schlüpfte, trippelte sie ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. In einem großen Spiegel, der fest in die Granitwand ihres Zimmers eingepasst war, überprüfte sie den Sitz des runden, mit schwarzem Faden abgenähten Ausschnitts ihres Kleides. Zufrieden stellte Meruna fest, dass der edle Stoff ihr Gehrun perfekt umrahmte. Der Kristall sah an diesem Tag nicht übel aus – er leuchtete zwar etwas zu schwach, und nicht dunkelrot genug, aber sie bemühte sich, keine Vergleiche zu Lunros zu ziehen, die weitaus mächtiger und erfahrener als sie selbst waren. Ansonsten gab es gegen das Zeichen des Arkondos, das sicher zwischen ihren runden Brüsten eingebettet war, nichts einzuwenden. Eine perfekte, halbrunde Höhle befand sich hinter einer gleichmäßigen, flammenförmigen Öffnung in ihrer dunklen Haut. Der sanft gerundete Kristall, der sich darin gleichmäßig um die eigene Achse drehte, schwebte haargenau zwischen dem oberen und dem unteren trichterförmigen Auswuchs ihrer Haut, die das Gehrun mystisch an seinem Platz hielten, ohne es physisch zu berühren. Kurz gesagt: Für ihr Alter und ihren Ausbildungsstand befand sich Meruna in Hochform. Der Spiegel teilte ihr aber auch mit, dass sich das fast neue Gewand über ihrem Becken und unter den Armen schon wieder gefährlich straff spannte.

„Ab morgen esse ich weniger zu Abend!“, nahm sich die Sechzehnjährige heldenmutig vor, obwohl sie eigentlich stolz auf ihre üppigen Rundungen war, die in ganz Koldarun als Zeichen von Wohlstand und Erfolg galten. Dass ihr allerdings alle paar Monate ihre schönen, neuen Kleider nicht mehr passten, nervte sie ungemein. Leicht fiel es ihr nicht, ihr Gewicht zu halten, denn die Jäger versorgten die Lunros täglich mit dem besten Wildbret, das außerhalb Kazarons erjagt wurde. Die Ehepartner der höhergestellten Lunros liebten es einfach, ihre Familien mit überquellenden, dampfenden Schüsseln zu verwöhnen.

Während Meruna in ihre schwarzen Stiefel stieg und ihr Jagdmesser, dessen wertvoller Eironhartholzgriff matt schimmerte, geschickt in den dafür vorgesehenen Schlaufen anbrachte, schrie sie ungeduldig nach ihrer Mutter. Endlich betrat die ebenso rundliche wie kleine Frau das Zimmer ihrer ältesten Tochter. Leonna, so hieß Merunas Mutter, liebte und pflegte ihr langes, rotbraunes Haar inbrünstig, und schminkte ihre großen, tiefbraunen und von dichten Wimpern umgebenen Augen täglich. Meruna, die diese Augen geerbt hatte, vermochte sie im Zorn zu verdunkeln, bis sie schwarz funkelten. Genau das tat sie in diesem Moment.

"Was brauchst du so lange? Weißt du nicht, dass ich mich bald mit Vater treffe? Steh' nicht herum, sondern kümmere dich um meine Haare!“, herrschte sie ihre Mutter an.

"Entschuldige“, murmelte Leonna, die wie Solona als Eronn geboren war. Sie schlug die bemalten Augen nieder, griff nach einem Kamm und begann, geduldig die dicken, schwarzen Locken ihrer Tochter zu entwirren.

"Lass' das“, meckerte Meruna, ungeduldig mit zwei Fingern auf dem Rand des Spiegels trommelnd. „Es dauert zu lange. Sei nicht so zimperlich. Mach’ mir einfach den vorgeschriebenen Zopf, damit ich vor die Tür gehen kann."

Die fast identischen Augen der beiden Frauen trafen sich kurz im Spiegel. Merunas Mutter sah aus, als wolle sie etwas erwidern. Doch sie schluckte die Worte hinunter, riss den Kamm viermal heftig durch die widerspenstigen Haare ihrer Tochter, um gleich darauf energisch einen festen Zopf zu flechten. Meruna biss sich heimlich auf ihre vollen Lippen, um unter dieser Behandlung nicht zu wimmern. Sobald Leonna ihr Werk beendet hatte, warf sich ihre älteste Tochter hastig den schwarzen, glänzenden Mantel um, und rannte mit einem gemurmelten "Wenn ich zurück bin, will ich was essen" nach draußen.

Merunas schlechte Laune besserte sich kein bisschen unter dem Eindruck der zornigen Gedanken, die ihr durch den Kopf schossen. Ihre Mutter und Solona kannten den strafenden Blick genau, mit dem das Familienoberhaupt jeden strafte, auf den er warten musste! Wieso hielten die beiden sie dennoch ständig auf? Und das an einem so wichtigen Tag! Schließlich hatte ihr Vater versprochen, sie in seiner Mittagspause zur Reurosebene zu begleiten, um sie persönlich zu unterrichten. Und nur von ihm mochte sie lernen, mit ihrer Gabe umzugehen. Ihren Privatlehrern hörte Meruna schon lange nicht mehr zu. Langweiler, die ihr erzählten, sie solle sich in Geduld üben und immer brav Schritt für Schritt lernen. Kein Wunder, dass diese verweichlichten Lunros ihr Leben als Lehrer fristeten, anstatt mit aller Kraft nach Reichtum, Macht und Gehorsam zu streben, um Arkondos zu gefallen!

Von ihrem Vater lernte Meruna wirklich Wichtiges: Schnell zu ihren Kräften zu finden und ihre Macht stetig zu vergrößern. Denn sonst würden ihre Feinde, raffgierige Eronni ebenso wie neidische Lunros, sie bald zerquetschen wie eine Glutlawine ein kleines, schuppiges Irok. Die schwarzen Brauen der Lunro bildeten zwei spitze Dreiecke, während sie über dieselbe Basaltstraße, die sich Rendra zuvor hinauf geschleppt hatte, auf die Brücke zu hastete. Ihre Stimmung verharrte trotzig auf einem neuen persönlichen Tiefpunkt. Der viel zu straffe Lunrozopf, den ihre rücksichtslose Mutter geflochten hatte, zog schmerzhaft an Merunas Kopfhaut. Wüsste sie nicht, dass sich eine Lunro für diese Unschicklichkeit den Zorn der Älteren zuzog, hätte sie den Zopf schon lange gelöst. Wieso nur war der Glaube erfahrener Lunros so unflexibel und dogmatisch?

Die kurze, aber heftige Auseinandersetzung mit Solona zog Merunas Eingeweide schmerzhaft zusammen, wenn sie daran zurück dachte. Sie nahm sich vor, bald mit ihrem Vater darüber zu reden, was mit Solona geschehen sollte. Ihre jüngere Schwester benahm sich so widerspenstig, und ihr Handeln war so nutzlos! Als Kind hatte sie sich immer vor den Kampfspielen der anderen Eronni gedrückt. Sie mochte weder Kriegerin, noch Wächterin im Dienste des hohen Lunro-Rates werden. Das hohe Ansehen, das sich ihr Vater hart erkämpft hatte, ermöglichte Solona beide Stellungen, nach denen sich andere Eronni alle zehn Finger geleckt hätten. Doch Merunas Schwester widersetzte sich eigensinnig ihrer Berufung. Meruna verspürte eine gewisse Übelkeit angesichts dieser offensichtlichen Undankbarkeit. Statt mit den anderen, privilegierten Eronni zu lernen und zu kämpfen, drückte sich Solona zu jeder Gelegenheit heimlich bei den Ärmsten und Erbärmlichsten in den Arbeitervierteln herum. Meruna hatte ihrem Vater nie davon erzählt. Es entsprach nicht ihrer Erziehung, andere zu verpfeifen. Sie ahnte, dass ihre Mutter ebenfalls von Solonas Eskapaden wusste und sie für sich behielt. Aber es konnte nicht schaden, einmal vorsichtig bei dem Familienoberhaupt anzufragen, welche Möglichkeiten für Solonas Zukunft noch bestanden – außer der, irgendwann in Schimpf und Schande aus der Familie ausgestoßen zu werden.

Meruna empfand eine gewisse Genugtuung, wenn sie darüber nachdachte, wie wenig unstet ihre eigene Einstellung im Vergleich mit der ihrer Schwester war. Ihr Lebensweg erstrahlte in ihren Tagträumen deutlich vor ihr: Schon bald würde sie Kazaron verlassen, um in den herrlichen, unterirdischen Hallen Ubendors, der Hauptstadt Koldaruns, als Kampfmagierin mindestens zum General aufzusteigen. Ihre Magengegend kribbelte jedes Mal, wenn sie an die prachtvolle Hauptstadt dachte, über deren Gewölben die Sonne ewig im Zenit stand und alles oberirdische Leben verbrannte – so lange es sich nicht um die erfahrensten, mächtigsten Lunros handelte, die als einzige Lebewesen Koldaruns die Hitze der reinigenden Strahlen ertrugen. Nur der glänzende, uralte Meteorit, der über Ubendor stolz in seinem eigenen Einschlagskrater thronte, ehrfürchtig „Das Herz des Arkondos“ genannt, leistete den wenigen, tapferen Lunros Gesellschaft, die stark genug waren, über Ubendors unterirdischen Gewölben zu wandeln.

Meruna plante, binnen weniger Jahre selbst zu dem Herz des Arkondos vorzudringen, um das glatte, pechschwarze Gestein des riesigen Meteoriten zu berühren und in die geheimen Beschwörungen eingeweiht zu werden, die mächtige Lunros dort rezitierten. Natürlich war dies nicht das einzige, das sie nach Ubendor zog. So lange ihre Macht zu vergrößern, bis sie an der Spitze einer der Armeen des hohen Lunro-Rates die Aufstände der Eronni niederschlagen durfte, war die einzige ehrenvolle Aufgabe, die ihrer Herkunft gerecht werden würde. In letzter Zeit brachen in ganz Koldarun so viele Aufstände los, dass sie sich nicht vor Untätigkeit und Langeweile würde fürchten müssen. Von ihrem Vater wusste sie, dass das Gefängnis Kazarons nicht nur zum Bersten angefüllt war mit gemeinen Kriminellen, sondern auch mit Anführern verschiedener Aufstände. Wenn Meruna etwas dazu beitragen durfte, diesen Abschaum hinter Gitter – oder am besten gleich vor Arkondos – zu bringen, so wollte sie es tun.

Sie hatte die Randbezirke des prächtigen Lunro-Wohnviertels erreicht, das sich in Terrassen an den unteren, nicht allzu steilen Bereich des größten Vulkans der Bergkette schmiegte. Rechts und links der befestigten Straße erhoben sich keine prächtigen, grauen Granithäuser mehr. Obwohl der Landstrich zu ihrer Linken öde und kahl aussah, wusste Meruna, dass sich gleich hinter einem lang gestreckten Hügel der herrliche, brodelnd heiße Regenbogensee befand, der seinen Namen den verschiedenen Algen verdankte, die prächtig in ihm gediehen. Zu ihrer Rechten säumte leicht dampfendes, tiefschwarzes Geröll Merunas Weg in die inneren Bereiche der Stadt. Vereinzelte, dornige Büsche wuchsen auf diesem schmalen, unbewohnbaren Landstrich, der sich von dem Lunroviertel bis zum Udyreg erstreckte. Ab und zu durchbrachen Geysire tief aus dem Inneren der vulkanischen Erde die schüttere schwarze Oberfläche, schossen zischend nach oben und verschwanden wieder. Aus diesem Grund getraute sich kein Eronn, dieses Land zu betreten. Viele Eronni arbeiteten allerdings hart, genau am Rande der Lunrosiedlung, um das unberechenbare Geröll und die zähen, so weit unten fast erkalteten grauen Lavamassen von den Häusern der Reichen fern zu halten. Keiner dieser erfahrenen Männer war dumm genug, zu weit in die vulkanische Wildnis vorzudringen.

Schon oft hatte Meruna schaurige Geschichten gehört von leichtsinnigen Eronni, die sich zu weit von der Straße zwischen dem Lunroviertel und der Udyregbrücke entfernt hatten und von einem der unberechenbaren, brodelnden Geysire überrascht worden waren. Die Leute erzählten sich von drei jugendlichen Lunros, die im Vorjahr eine Eronn zu ihrem Vergnügen mit auf dieses Gestein genommen und sich an ihrer Angst geweidet hatten. Die Frau hatte, anders als die drei Lunros, die plötzliche Begegnung mit einem zähen Lavastrom nicht überlebt. Meruna hasste es, wenn Erinnerungen an die Gräueltaten verblendeter Lunros in ihr aufstiegen. Wie konnten sie es wagen, Arkondos' Gesetze zu übertreten! Der Vater aller Lunros hatte es so deutlich gemacht: Ihr sollt Eronni nur dann töten, wenn sie euer eigenes Leben bedrohen, oder eine gravierende Gesetzesübertretung begangen haben. Viele Koldaren, Lunros wie Eronni, töteten aber, um ihre Macht zu beweisen oder gewisse unnatürliche Triebe zu befriedigen, wie Meruna meinte. Wenn ein Lunro derartige Dinge tat, drückten die Älteren gerne mal beide Augen zu oder ließen ihn mit einer milden Strafe davon kommen. Aber wehe, der Lunrozopf saß nicht den Vorschriften entsprechend! Dann konnten sie richtig wütend werden – und das wollte niemand bei einem mächtigen Lunro erleben.

Meruna schüttelte sich und lief auf die steinerne Brücke zu, unter der sich der Udyreg, ein breiter Strom niemals versiegender Lava, gemächlich entlang wälzte. Seine zähen, beißend riechenden Ströme trennten das überschaubar kleine Lunroviertel von den unzähligen Eronni-Baracken im Stadtinneren. Der Udyreg entsprang im tiefen Krater des größten Vulkans der weitausläufigen Bergkette, die von zwei Seiten über Kazaron wachte. Von ihren Lehrern hatte Meruna gelernt, dass sich der Lavastrom eigentlich sehr viel breiter erstreckte, als der Blick von einer seiner Brücken vermuten ließ. Der Boden, auf dem Kazarons Häuser standen, war viele Jahrhunderte zuvor selbst glühend rote Lava gewesen. Im Laufe der Zeit erkaltete sie an der Oberfläche, bis eine dicke Schicht schwarzen Basalts zurück blieb. Unter diesem Boden, der so massiv erschien, wälzten sich immer noch Lavaströme voran – und erkalteten erst weit draußen in der Wildnis vor Kazaron endgültig. Durch eine klaffende Spalte im Basaltgestein, die sich mitten durch Kazaron hindurch bis weit in das Niemandsland erstreckte, durften die Menschen einen Blick auf die Lava unter ihren Füßen erheischen – und sie hatten diesen winzigen Ausschnitt viel gewaltigerer Naturkräfte den „Udyreg“ getauft und nannten ihn einen Fluss. Das Ufer des Stroms fiel dementsprechend schroff ab.

Wenn sich Meruna bemühte, erkannte sie die teilweise noch zusammen passenden Bruchstellen im glatten Gestein diesseits und jenseits des Udyregs. Mitten auf der Brücke stehend, betrachtete die Lunro nachdenklich durch die flimmernde Luft hindurch das Gefängnis Kazarons. Der riesige Bau, in dem Merunas Vater als oberster Aufseher arbeitete, lag am Stadtrand Kazarons direkt über dem Udyreg und stellte alles um ihn herum in den Schatten. Rechts des Lavastroms befanden sich die Zellen der Gefangenen, links davon die Gemächer der Aufseher und der große Speiseraum. Etwa vier Meter über der kochend heißen Lava des Udyregs erhob sich ein breiter, offener Hof, in dessen Zentrum ein eisernes Fallgitter in den Stein eingelassen war. Die Aufseher nutzten es, so viel verriet Merunas Vater zu Hause, für Exekutionen. Der Hof ruhte, ebenso wie die beiden Brücken Kazarons, auf hohen, dicken Felsquadern. Meruna liebte es, dabei zuzusehen, wie die schwarzen Krusten erkalteter Lava entstanden, die sich langsam, aber unermüdlich, immer höher an den mächtigen Stützpfeilern festkrallten. Einige Eronn-Arbeiter waren alleine mit der Aufgabe betraut, dafür zu sorgen, dass die Brückenpfeiler und der Gefängnishof nicht unter erkalteter Lava erstickten. Es war eine gefährliche und schweißtreibende Aufgabe, und diejenigen, die das Pech hatten, sie verrichten zu müssen, genossen kein langes Leben.
In diesem Moment aber richtete Meruna ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Aufgabe, rechtzeitig im Gefängnis anzukommen, und nicht auf die Probleme der Eronni. Sie konnte entweder die Brücke, auf der sie stand, ganz überqueren und durch die schmutzigen Gassen eines Eronniviertels zum Haupteingang des Gefängnisses laufen. Oder über das vulkanische Geröll zwischen den Geysiren gehen und das Nebentor benutzen. Beides war mit Anstrengungen verbunden: Der unzufriedene Pöbel war in diesen Tagen einzelnen, nicht besonders mächtigen Lunros gegenüber sehr feindselig gesonnen. An der Tönung von Merunas Gehrun erkannten selbst ungebildete Eronni mühelos, dass sie sich noch mitten in ihrer Ausbildung befand und nicht allzu wehrhaft war. Das Nebentor erschien ihr wesentlich verlockender; doch sie musste Kräfte für den Weg dorthin einsetzen, die sie später auf der Reurosebene besser gebrauchen würde. Nach kurzem Zögern wandte sie sich von der Brücke ab, über der beißende, schwefelhaltige Wolken wogten, und betrat das schwarze Geröll rechtsseitig des Udyregs. Geübt fühlte sich Meruna in die Bewegungen des hellroten, brennenden Kristalls ein, der tief in die dunkle Haut ihrer Brust eingebettet schwebte. Ihr Gehrun kreiste langsam um die eigene Achse und erzeugte ein leichtes, aber stetiges Brennen zwischen ihren Rippen. Im Gehen schloss Meruna die Augen, legte eine Hand über die flammenförmige Öffnung in ihrer Haut und murmelte in der Sprache ihres Gottes:

"Beschütze deine Tochter, Arkondos!"

Nachdem sich das vertraute Gefühl der Hitzerüstung eingestellt hatte, öffnete Meruna wieder die Augen und lief unbeschwert über das gefährliche Geröll. Eine Säule heißen Dampfes schoss zischend neben ihr aus dem Boden, doch die Lunro blieb unversehrt und lachte den Vulkan triumphierend aus.
Das schwere, eiserne Gefängnistor stand weit offen. Übertriebene Vorsichtsmaßnahmen waren hier nicht vonnöten. Die Eronni, die durch dieses Tor zu fliehen versuchten, fanden mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem gefährlichen Ödland nicht die Freiheit, sondern den Tod. Und die Lunros, die dank ihrer Rüstungszauber ein und aus gehen konnten, wie es ihnen beliebte, waren keine Gefangene, sondern Aufseher. Links und rechts des Nebentors brannten in schweren Granitschalen zwei kontrollierte Feuer – nicht der Wärme wegen, sondern um der Optik willen. Hinter den beiden Torwächtern, die Meruna, obwohl sie öfter hierher kam, gänzlich unbekannt waren, lagen hohe Stapel Brennholz und Kohle. Die Wächter benutzen sie, um die Feuer in Gang zu halten. Eine der Wachen war fett, stark und hatte eine Glatze, die im Widerschein der Feuer ebenso schweißnass wie sein dunkles Gesicht glänzte. Die kleinen, verschlagenen Augen des zweiten Wächters blitzten Meruna über einem struppigen schwarzen Bart respektlos an. Seine langen Haare hingen dünn und fettig herab. Beide Wächter lehnten sich betont lässig auf Holzstäbe, deren oberes Ende flammend rot glühte. Meruna vermochte dieses Zeichen zu deuten: Die beiden waren Günstlinge, vielleicht sogar Verwandte, eines ranghohen Lunros, der ihnen ihre Waffen mit einer oder mehreren Ladungen eines starken Angriffszaubers präpariert hatte. Die Gefängnisleitung schien keine Risiken einzugehen: Sollte doch einmal einem Sträfling die Flucht über das vulkanische Ödland mit seinen tödlichen Geysiren und Lavaströmen gelingen, konnten die Torwächter ihm immer noch, auch über weite Entfernungen hinweg, einen tödlichen Abschiedsgruß in Form eines verheerend mächtigen Feuerballs, einer brutalen Glutlawine, oder vielleicht auch eine der fiesen vulkanischen Bomben hinterher schicken. Selbst Meruna, die eine Lunro war, verspürte keinerlei Drang, heraus zu finden, welche Zauber genau in den Stäben der Wächter schlummerten.

"Kommst du, uns zu besuchen, Mädchen?“, fragte der dickere Wächter, anzüglich mit der Zunge schnalzend, während der Dünne heiser kicherte. Meruna warf den schwarzen Lunrozopf in den Nacken, richtete sich zu ihrer vollen, nicht sehr furchterregenden Größe auf und verdunkelte ihre Augen. Dann sprach sie mit klarer Stimme und eiserner Miene:

"Ich bin Meruna, Tochter des Kresolos. Führt mich zu meinem Vater oder spürt seinen Zorn."

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Das Auge der Elster